Prinzipien des SV und VASV
Drei Prinzipien haben sich als Ziele des Verbandes im Laufe der Zeit im Bewußtsein und im Leben unserer Verbindungen verankert. Sie bilden die Grundlage, auf welcher der Zusammenschluß als Dachverband steht, und jede Verbindung, die Mitglied des Verbandes ist oder die Aufnahme in den Verband beantragt, verpflichtet sich, sie einzuhalten und die Ziele der Verbindung mit den Prinzipien des Verbandes in Einklang zu bringen. Sie haben den SV seit seiner Gründung begleitet und sind heute noch so aktuell wie damals. Dennoch darf man sie nicht außerhalb ihres geschichtlichen Zusammenhanges sehen.
Ursprung
Zu Beginn des letzten Jahrhunderts gewannen Sänger- und Turnervereinigungen zunehmend Einfluß auf die Gesellschaft. Zunächst waren sie eine Einrichtung bürgerlicher Kulturpflege, doch bald bildeten sich auch studentische Gruppen, die auf dem Gebiet der Musik insbesondere den Männergesang pflegten. Zweck dieser Zusammenschlüsse sollte die Bereicherung des kulturellen Lebens an den Universitäten sein. Organisiert waren sie nach dem Muster der bürgerlichen Gesangvereine. So konnte jeder Student, auch Korporationsstudenten, Mitglied einer Liedertafel werden.
Die einzelnen Vereinigungen hatten in der ersten Zeit ihres Bestehens keinen Kontakt untereinander. Das änderte sich, als die Gesangvereine an den Hochschulen 1865 Abordnungen zum ersten Deutschen Sängerfest nach Dresden schickten. Das Fest wurde zu einer Manifestation nationalen Einigungsstrebens. Dabei lernten sich die Akademische Liedertafel Berlin und der Akademische Gesangverein München kennen, und sie beschlossen noch im Eindruck der Veranstaltung 1867 den ersten Kartellvertrag Schon damals war die Perspektive der Erweiterung um weitere Gruppen, die sich anschließen konnten, im Kartellvertrag enthalten. Die Urzelle des SV war geboren.
Zunächst war der Zweck dieses eher losen Zusammenschlusses der beiden Gruppen die „Förderung ihrer Vereinsinteressen“. Dazu gehörte der Austausch von Noten und von Musikstücken, die für den jeweils anderen Verein komponiert wurden. Außerdem wurde die gegenseitige Übernahme von Mitgliedern vereinbart. Damit waren die Prinzipien des SV durch seine Entstehung schon vorgegeben. „Lied – Freundschaft – Vaterland“ standen zwar nicht in den Statuten des Kartellvertrages, aber auch ohne ausdrückliche Erwähnung waren sie Bestandteil des Denkens, allein aus der gesellschaftlichen Situation der Zeit heraus:
Lied – der Austausch von Noten diente der Pflege der Musik als Vereinszweck;
Freundschaft – der Austausch von Mitgliedern sollte die Freundschaft der Vereine untereinander stärken;
Vaterland – das nationale Streben nach Einigung beschränkte sich nicht nur auf die Universitäten, war aber auch dort, wie in weiten Kreisen der Gesellschaft, gerade Ziel der fortschrittlichen Kräfte, zu denen auch die Verbindungen zählten.
Entwicklung bis heute
In den folgenden Jahren vollzog sich in den Vereinen, die sich dem Kartell angeschlossen hatten, der Schritt vom Verein zur Korporation. Das führte dazu, daß die Zugehörigkeit der Mitglieder zu anderen studentischen Korporationen ausgeschlossen wurde. Die Pflege studentischer Geselligkeit wurde neben der Musik zum Zweck des Zusammenschlusses. Der Schritt zur Korporation führte auch zur lebenslangen Mitgliedschaft. Die Freundschaft festigte sich über das Studium hinaus, und man hielt über den Philister- oder Altherrenverband den Kontakt zu seinem Verein, zu seiner Verbindung.
Die Festigung des Selbstverständnisses der Verbindungen führte parallel zu einer inneren Festigung des Verbandes. Auf dem Kartelltag 1914 wurden sechs Leitsätze verabschiedet, die das Wesen des SV umrissen und allgemeingültig für die Mitgliedsverbindungen des Sondershäuser Verbandes wurden.
Lied
Als erster Punkt wurde in diesen Leitsätzen das musikalische Prinzip, das Prinzip Lied neu definiert. Es wurde festgelegt, „daß durch die Pflege der Musik [...] und durch die Pflege jeder anderen Kunst, die geeignet ist, zum würdigen Ausdruck studentischer Lebensfreude zu dienen, den Mitgliedern eine edle Geselligkeit geboten werden solle.“ Die Pflege der Musik war also nicht mehr Selbstzweck, sondern diente der Geselligkeit und sollte den Zusammenhalt und die Freundschaft stärken. Damit ging man über den anfänglichen Zweck der Zusammenschlüsse zu studentischen Gesangvereinen weit hinaus; denn diese waren erfolgt, um besonders den Gesang und das deutsche Liedgut zu pflegen. Es wurde einer Entwicklung Rechnung getragen, die der Instrumentalmusik einen großen Raum neben der Vokalmusik eingeräumt hatte. Aber diese Definition bedeutete noch mehr, wurde doch mit ihr aus dem musikalischen ein umfassendes musisches Prinzip, das bis heute seine Gültigkeit besitzt; denn neben die Pflege der Musik ist noch das Theaterspiel getreten, und auch Tanz und bildende Künste haben in dieser Definition einen Platz gefunden.
Freundschaft
Mit der Diskussion des Schwarzen Prinzips ergab sich auf den Kartelltagen bis 1914 fast automatisch eine SV-spezifische Erklärung des Prinzips Freundschaft. Das Farbentragen – als äußeres Zeichen der Zusammengehörigkeit – wurde in den oben genannten Leitsätzen abgelehnt, und zwar mit dem Ziel der Förderung innerer Verbundenheit, die ihren Ausdruck findet in dem „Zusammenschluß der Mitglieder durch treue Freundschaft und ihre Erziehung [...] auf der Grundlage einer freiheitlichen, aber verantwortungsbewußten akademischen Bildung.“ Es wurde beschlossen, „daß Kneipjacken oder studentische Kopfcouleur bei öffentlichem Auftreten nicht getragen werden sollten.“ Dieses gilt bis heute für unseren Verband, jedoch ist das Tragen von Chargenwichs bei internen Kneipen und Kommersen durchaus möglich.
Freundschaft ist keine Frage der „Uniformierung“, doch kann das verantwortungsbewußte Führen von Farben das Zugehörigkeitsgefühl der Mitglieder zur Verbindung stärken. Gemeinsame Ziele schaffen gemeinsame Interessen über das Verbindungsleben hinaus und gerade dieses schafft persönliche Freundschaften, die sich auch in den Kontakten der Verbindungen untereinander niederschlagen.
Auch andere Fragen, die damals den Verband beschäftigten, wurden mit Leitsätzen in eine allgemeingültige Form gebracht. So wurde bei voller Satisfaktionsfähigkeit der einzelnen Mitglieder die Bestimmungs- und Verabredungsmensur abgelehnt. Auch der Bierzwang wurde für den SV aufgehoben, um auch Mitglieder aufnehmen zu können, die dem Alkohol nicht oder nur gelegentlich fröhnen wollten. Das war eine Praxis, die damals nur von sehr wenigen Verbindungen geübt wurde. Damals beschloß der Kartelltag auch die Förderung des Sports, um den Zusammenhalt der Mitglieder über die Musik hinaus weiter zu festigen. Besonders die damals modernen Sportarten, wie Wandern, Segeln, Turnen, Tennis und Skilauf standen im Mittelpunkt der Diskussion.
All diese Leitsätze hatten aber nur das Ziel, den Zusammenhalt des Verbandes und der angeschlossenen Verbindungen zu konsolidieren. Durch die Definition gemeinsamer Ziele, mit denen sich alle identifizieren konnten, schuf man eine Basis, die allen Mitgliedern schnell Kontakte zueinander ermöglichte. Schon allein dadurch konnte das Prinzip Freundschaft mit Leben gefüllt werden.
Der Lebensbund, der mit der Gründung der Altherrenverbände in den einzelnen Verbindungen entstanden war, fand in der Gründung des Verbandes Alter SVer (VASV) seine Entsprechung für den Verband. Der lebenslange Kontakt der Mitglieder untereinander, wie er durch die Ortsverbände gesichert wird, ist auch heute noch die Grundlage des Prinzips Freundschaft im SV. Der Lebensbund, den die einzelnen Verbindungen unter ihren Mitgliedern durch den Übergang von der Aktivitas in den Altherrenverband pflegen, kann so auch die Freundschaft im Verband sichern.
Vaterland
Das Prinzip Vaterland ist der am schwierigsten zu fassende Begriff. Er ist auch derjenige, der sich im Lauf der Zeit am stärksten verändert hat.
Die Frage der Einigung der Deutschen Nation war der Ausgangspunkt für viele Verbindungen. Auch der SV wurde in dieser Situation gegründet. Der Krieg von 1870/71 bestärkte den Nationalismus in Deutschland, eine besondere Definition für Vaterland war damals überflüssig. Erst die beiden Weltkriege, besonders der zweite, veränderten das Bewußtsein nachhaltig. Vaterland war zu einem belasteten Begriff geworden, der nicht mehr verwendet wurde, oder aber einer Definition bedurfte.
Vaterland ist auch in unserer Zeit kein leeres Wort. Das nationale Element ist allerdings weitgehend durch andere Werte ersetzt. Vaterland kann für uns heute „das Stehen auf der freiheitlich-demokratischen Grundordnung“. Auch das Streben heutiger Politik nach der Einheit Europas in nationaler Selbstbestimmung ist als politisches Ziel des SV denkbar, denn der Verband und die einzelnen Verbindungen wollen „dazu beitragen, daß ihre Mitglieder als verantwortungsvolle Menschen allen Problemen aufgeschlossen sind und Achtung vor dem Anderen und dessen Überzeugung haben.“ Der Sondershäuser Verband selbst „lehnt konfessionelle und parteipolitische Bestrebungen in der Gestaltung des Lebens seiner Mitgliedsverbindungen ab.“
Ein unpolitisches Leben ist dennoch in einem Verband mit einer gesellschaftlichen Aufgabe, wie sie sich der SV gestellt hat, nicht denkbar. Das Leben in dieser Gemeinschaft fordert kritische Auseinandersetzung mit Traditionen, um sie mit Leben füllen zu können. Ohne diese Traditionen ist aber auch der Fortbestand der fortschrittlichsten Gruppen gefährdet. Daß unsere Traditionen sich der heutigen Gesellschaftsform angleichen, ist ein organischer Vorgang, dem gesellschaftliche Normen in allen Bereichen des Lebens unterworfen sind.
Bei allem Wandel Kontinuität zu gewährleisten, ist die Aufgabe des Dachverbandes. Möglich wird dieses durch die drei Prinzipien Lied – Freundschaft – Vaterland. Sie sind Grundlagen, welche die Vielfalt der Strömungen in unserem Verband erhalten und Einheit durch Vielfalt garantieren. Nur dadurch ist ein Verband, der sich der kulturellen Arbeit verschrieben hat, so lebensfähig wie der SV. Das Selbstverständnis seiner Mitglieder hat sich in langer Zeit innerer Diskussion entwickelt, und das Bewußtsein, in einem Dachverband mit gleicher Zielsetzung trotzdem einen eigenständigen Charakter behalten zu können, hält uns alle zusammen.
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