Geschichte des Sondershäuser Verbandes
Der SV im 19. Jahrhundert und bis zum 1.Weltkrieg
Der Kartellvertrag war auf den Anschluß weiterer Verbindungen hin ausgerichtet. Tatsächlich traten in den ersten zehn Jahren nach Abschluß des Vertrages vier weitere Verbindungen hinzu: Greifswald, Würzburg, Göttingen und Königsberg. Es bestanden auch Kontakte zu österreichischen Bünden, die aber dem Kartell nicht beitraten.
Die 70er Jahre waren von einem inneren Strukturwandel gekennzeichnet. Korporative Elemente hielten Einzug in das Vereinsleben der Bünde, die bestrebt waren, einen engeren Zusammenschluß ihrer Mitglieder herbeizuführen. Neben die Pflege des Gesangs trat die bewußte Pflege studentischer Geselligkeit.
Mit der Festigung der inneren Strukturen in Form korporativer Elemente ging das Aufkommen des Lebensbundgedankens einher, sollte sich doch die Zugehörigkeit zu einer Verbindung nicht nur auf die Studienzeit beschränken. So wurde der Status des „Philisters“ eingeführt. 1874 erfolgte die erste Gründung eines Altherrenverbandes, des „Allgemeinen Philisterverbandes des AGV München“. Die anderen Verbindungen folgten in den Jahren danach.
Nachdem die Etablierung korporativer Strukturen innerhalb der einzelnen Verbindungen vollzogen war, wandte sich die Aufmerksamkeit der Verbandsebene zu. Zwar war der Kartellvertrag von 1867 als Grundstock für ein einheitliches Kartell gedacht gewesen, doch hatte sich das Hinzutreten neuer Vereinigungen in der Praxis meist durch Abschlüsse zweiseitiger Verträge abgespielt, so daß zwar ein dichtes Netz dieser Einzelverträge bestand, von einer verbandsähnlichen Einheit jedoch bis 1880 nicht gesprochen werden konnte.
In diesem Jahr aber rückten die Verbindungen zu einem gemeinsamen „Kartellverband deutscher Studenten-Gesangvereine“ zusammen. Die festen Züge, die man durch diesen Schritt nach außen hin präsentieren konnte, begünstigten weitere Beitritte während der 80er Jahre. Viele der neu aufgenommenen Verbindungen waren Gründungen von Verbandsmitgliedern.
In dem Maße, in dem sich der Kartellverband als zentrale Instanz manifestierte, begannen Auseinandersetzungen über seine Befugnisse gegenüber den einzelnen Bünden. Die Diskussion hierüber bescherten die Kartelltage der 80er Jahre. Hierbei zeigte sich, daß sich die Verbindungen je nach ihrer Größe und nach Regionen sehr unterschiedlich entwickelt hatten und in ihrer Individualität ein sehr eigenes Gepräge boten. Diese Heterogenität hat sich bis heute erhalten und darf sicherlich als eine besondere Stärke unseres Verbandes gelten, selbst wenn sie von Fall zu Fall zu größerer Kompromißbereitschaft nötigen mag.
In das Jahr 1884 fällt die Gründung der Kartell-Zeitung, die, mit wenigen Unterbrechungen, bis heute ihren wesentlichen Platz im Verband einnimmt. Anfangs erschien sie auf private Initiative eines Berliner Alten Herren, schon 1885 wurde sie zum offiziellen Organ des Kartellverbandes erklärt.
Der AGV München, schon während der ersten Jahrzehnte des Bestehens des Kartellverbandes dessen größte Mitgliedsverbindung, regte 1886 an, die Stimmverteilung auf den Kartelltegen neu zu regeln, und zwar nach Mitgliederstärke zu staffeln. Der Antrag scheiterte zuerst, wurde aber ein Jahr später vom Kartelltag angenommen. Das Prinzip des nach der Mitgliederzahl zu bemessenden Stimmrechts ist seitdem beibehalten worden; es erfuhr lediglich einige kleine Modifizierungen.
Noch ein weiterer Pfeiler des Verbandslebens konstituierte sich während der 1880er Jahre: die Alten Herren schlossen sich nach Orts- und Bezirksverbänden zusammen und schufen damit eine weitere Form des Verbandslebens im Lebensbundprinzip.
Zu der Zeit wurde in der Kartell-Zeitung zum ersten Mal der Gedanke laut, in Anlehnung an die Sängerfeste der deutschen Sängerbewegung ein Verbandsfest abzuhalten. Nach anfänglichen Vorbehalten gegen ein so kostspieliges und neuartiges Unternehmen billigte der Kartelltag 1892 die Durchführung eines solchen Verbandsfestes. Bei der Wahl des Festortes entschied man sich für die kleine thüringische Residenzstadt Sondershausen; ein Entschluß, der sich für Jahrzehnte als günstig erweisen sollte, denn Sondershausen wurde zur Heimat des Verbandes und lieh ihm von 1897 an seinen Namen. Seitdem nämlich trägt unser Kartellverband den Namen „Sondershäuser Verband (SV)“, unter dem er weithin bekannt geworden ist.
Das Verbandsfest, das unter der Schirmherrschaft des Fürsten von Schwarzburg-Sondershausen stand, nahm einen harmonischen Verlauf. So wurde fünf Jahre später, 1899 ein zweites Verbandsfest in gleicher Form in Sondershausen durchgeführt. Am Ende des 19. Jahrhunderts bestand der Sondershäuser Verband aus 16 Vereinen (gegenüber 7 Ende 1880). Aber nicht nur an Zahl der Aktiven und Alten Herren war der Verband gewachsen, er hatte auch an innerer Stärke gewonnen, nicht zuletzt durch das Ergebnis zweier gelungener Verbandsfeste. Diese Stärke ließ über alle auf den Kartelltagen auszutragenden Meinungsverschiedenheiten die Kompromißbereitschaft und das Gefühl der Zusammengehörigkeit im Verband siegen.
Eine Erweiterung des Betätigungsfeldes erfuhr der SV, als 1899 den Technischen Hochschulen das Promotionsrecht und das Recht zur Verleihung des Titels „Diplom-Ingenieur“ verliehen wurde. Eine bald darauf erfolgte Satzungsänderung ermöglichte die Aufnahme von Verbindungen dieser Hochschulen.
Während des Jahrzehnts vor dem Ausbruch des 1.Weltkrieges diskutierte der aktive SV lebhaft über seine Prinzipien. Erster Anlaß war der Aufnahmeantrag des AGV Königsberg (die Nachfolgeverbindung des 1892 suspendierten Kartellvereins), welcher, einer lokalen Tradition folgend, zu bestimmten Anlässen Mütze und Band trug. Das Schwarze Prinzip mußte daher im SV erörtert und eindeutig bestimmt werden. Auch das musikalische Prinzip war auf den Kartelltagen Gegenstand von Diskussionen und schließlich wurde es auch erforderlich, in der Frage der damals noch in Verbindungskreisen allgemein üblichen Satisfaktion Stellung zu beziehen.
Eine 1912 erschienene Auflage des „SV-Studenten“ von Hermann Ude (GÖ) enthielt Farbtafeln mit den Wappen der zu dieser Zeit aktiven Mitgliedsverbindungen des SV. Auf den folgenden Seiten sind diese Wappen abgebildet.
Der Kartelltag 1914 beendete die Diskussionen um die Prinzipien durch die Verabschiedung von 6 Leitsätzen. Der erste Leitsatz definierte den Inhalt des musikalischen Prinzips dahin, daß „durch die Pflege der Musik, sowohl des Gesanges wie der Instrumentalmusik, und durch die Pflege jeder anderen Kunst, die geeignet ist, zum würdigen Ausdruck studentischer Lebensfreude zu dienen, den Mitgliedern eine edle Geselligkeit geboten werden soll.“ Die in ihrem Kern negative Aussage des Schwarzen Prinzips ergänzte ein weiterer Leitsatz um den Zusatz, es gehe um den „Zusammenschluß der Mitglieder durch treue Freundschaft und ihre Erziehung zu charakterfesten deutschen Männern auf der Grundlage einer freiheitlichen und verantwortungsbewußten akademischen Bildung.“
Bezüglich der Satisfaktionsfrage wurde festgestellt, daß es sich dabei nicht um ein Prinzip des Verbandes handle, daß aber „die Angehörigen des Verbandes [...] in Ehrengängen Genugtuung mit der Waffe gehen und fordern“ sollten.
Sehr lebhaft war im Verband auch immer wieder die Frage diskutiert worden, welche Rechte und insbesondere Pflichten Verbandsbrüder bei einem Studienortwechsel gegenüber der Verbindung am neuen Aufenthaltsort haben sollten. Hier schwankte der Verband in unterschiedlichen Regelungen zwischen der Stärkung von schwächeren Bünden und des Zusammenhalts durch die Verpflichtung, der Aufenthaltsverbindung beizutreten, und liberalen Beschlüssen, die mehr auf die Interessen des Einzelnen Rücksicht nahmen. Eine gewisse Form des „Kartellzwangs“, z.B. durch Verpflichtung zur Teilnahme an bestimmten Veranstaltungen der Aufenthaltsverbindung, wurde noch lange beibehalten. Die Zahl der Aktiven im Sondershäuser Verband war in diesen Jahren weiter angestiegen und erreichte im WS 1913/14 die Höhe von 1.300. Die Hälfte der dem Verband angehörenden Verbindungen verfügte über ein eigenes Haus.
Der im August 1914 ausbrechende Erste Weltkrieg unterbrach die Entwicklung des Verbandes. Der Plan, einen Gesamtphilisterverband zu gründen, kam nicht zur Ausführung, das zur 50-Jahr-Feier der SV-Gründung vorgesehene große Verbandsfest 1917 konnte nicht stattfinden, und überhaupt wurde das Verbindungsleben weitgehend gelähmt. 4.051 SVer, Aktive und Alte Herren, waren Kriegsteilnehmer; 799 von ihnen sind gefallen.

